1. Juni 2011

"Archivpflege hat Verfassungsrang" so Stadträtin Freihoffer

Stadtarchiv im Dornröschenschlaf?

 

Dem Normalbürger mag sich die Bedeutung und Wichtigkeit eines Stadtarchivs vielleicht nicht auf Anhieb erschließen. Doch wenn man sich vor Augen führt, dass die ehemals freie Reichsstadt Regensburg über Jahrhunderte europäisches Zentrum war, erkennt man, dass es nicht zweitrangig sein kann, wie funktionstüchtig das Stadtarchiv ist.

 

Zudem fungieren Stadtarchive, worauf die meisten Städte hinweisen, als „Gedächtnis der Stadt“. Nach der Bayerischen Gemeindeordnung gehört die Archivpflege deshalb zu den Pflichtaufgaben einer Kommune. Und noch deutlicher formuliert die Verfassung des Freistaates Bayern (Art. 141 Abs. 2) den Auftrag: Demnach sind Denkmäler der Geschichte von Staat, Gemeinden und Körperschaften des öffentlichen Rechts zu schützen und zu pflegen. Ebenso stellt die „Gemeinsame Bekanntmachung der Bayerischen Staatsministerien des Innern und für Unterricht Kultus, Wissenschaft und Kunst“ von 1992 fest: „Das Archivgut […] sichert als objektive Quelle die rechtsstaatlich gebotene Kontinuität der Verwaltung und ist zugleich die unverzichtbare und unersetzliche Grundlage für die Erforschung der Vergangenheit.“

 

Die spezifischen Aufgaben zum Vollzug des Bayerischen Archivgesetzes und der kommunalen Archivpflege werden dort weiter festgelegt: Dabei umfasst die Archivierung nicht nur die Aufgabe, das Archivgut zu erfassen und auf Dauer zu verwahren und zu sichern, sondern auch „zu erschließen, nutzbar zu machen und auszuwerten“.

 

Es kann also nicht dem Belieben anheimgestellt werden, ob diese Aufgaben mal mehr, mal weniger ernsthaft wahrgenommen werden. Wie sieht es nun mit dem Regensburger Stadtarchiv aus?

 

Aus Personalmangel kann das Stadtarchiv noch nicht einmal wichtige Informationen auf die Internetseite stellen. Zwar wurden viele Quellen aus dem Mittelalter schon digitalisiert, aber nirgendwo werden diese online verfügbaren Dokumente auf der Homepage des Stadtarchivs erwähnt und sind damit außer für einen kleinen Kreis Eingeweihter nicht nutzbar. Der Jahresbericht des Kulturreferats für das Jahr 2009 liest sich größtenteils wie eine Notverordnung. Aus Personaleinsparungsgründen können u. a. statistische Nachweise nicht mehr erfolgen und, noch schlimmer, eine Bestandspflege findet nicht mehr statt. D. h. die Archivalien, die neu hereinkommen, werden nur mehr registriert, aber nicht weiter nach Themen und Schlagwörtern ausgewertet. Wer Kopieraufträge erteilen möchte – Archivalien dürfen ja nicht entliehen werden  -, muss, wenn der entsprechende Mitarbeiter erkrankt ist, schon mal viele Wochen warten. Wie man unter diesen Bedingungen ernsthaft forschen kann, bleibt ein Rätsel.    

 

Ein erster Schritt zur Verbesserung der Situation wurde unternommen. Der Kulturausschuss hat nun einem Prüfantrag der Stadträte der Linken, Irmgard Freihoffer und Richard Spieß,  zugestimmt. Die plädierten für größere Benutzerfreundlichkeit des Archivs durch längere zusammenhängende Öffnungszeiten. Damit das Archiv seine Aufgaben aber umfassend wahrnehmen kann, haben sie einen weiteren Antrag zur personellen Aufstockung gestellt.

 

In der Bewerbungsbroschüre um den Titel „Stadt der Wissenschaft“ war man voll der besten Absichten: “Tradition, Erbe und die reiche Geschichte der Stadt werden gepflegt.“ Dem Stadtarchiv als „Gedächtnis der Stadt“ fällt dabei ganz ohne Zweifel eine wichtige Rolle zu.